Porträt(s) eines Dorfes
Heute werden die Leute aus Rothen, einem 80-Seelen-Dorf im Landkreis Parchim, in eine ungewöhnliche Fotoausstellung gehen. Christian Lehsten, der Neu-Rothener aus Bayern, hat sie alle in sein Gutshaus eingeladen. Dort sind 80 Schwarz-Weiß-Fotografien aufgehängt.
Beitrag von Beate Penke in der Schweriner Volkszeitung 10./11.09.2005 Magazin, S.3 Fotos Christian Lehsten
Die Leute werden sich wieder erkennen. Denn jede Fotografie zeigt einen von ihnen, zeigt das Gesicht eines Rotheners. In der Summe das Porträt einer ganzen Dorfgemeinschaft.
Christian Lehsten ist von Beruf Buchhändler, hat später als Drucker gearbeitet und ist seit 1991 mit Leib und Seele Fotograf. An seiner Arbeit schätzt der Autodidakt das "Privileg, eigene Ideen ins Bild" umsetzen zu können. Und so lag die Frage nach seiner Ankunft im Mecklenburgischen im November 2004 bald auf der Hand: Wie kann ich mich diesem Ort, der meine neue Heimat sein soll, fotografisch nähern?
Rothen ist auf den ersten Blick ein Dorf wie viele andere auch. Es gibt keine Schule, keinen Dorfkonsum, keine Kirche. Nach der Wende gingen die jungen Leute weg. Das Dorf drohte zu sterben. Doch es gab auch ein paar Unentwegte (nicht nur Leute aus dem Dorf selbst), die das Potential des malerischen Ortes mit seinem See und den Resten der ehemaligen Gutsanlage erkannten. Vor zehn Jahren z.B. öffneten Tine und Wolf Schröter ihre Galerie an der Rothener Mühle. Die Erhaltung eines großen Stallgebäudes und die Wiederbelebung mit Werkstätten und Veranstaltungen schrieb sich der Rothener Hof e.V. auf die Fahnen. Die Weggegangenen machten Platz für neue Leute, die sich ansiedelten oder zeitweise vom Dorf angezogen fühlten.
Einen weiteren Wiederbelebungs - Schub bekam das Dorf schließlich durch Gabriele und Christian Lehsten, die das Gutshaus erwarben, unter ihrem Dach in mehreren Ferienwohnungen Gäste beherbergen und zu Konzerten oder Ausstellungen einladen. "Wir sind von den Leuten hier durchweg positiv aufgenommen worden", sagt Christian Lehsten und schwärmt im gleichen Atemzug von den "vielen sehr interessanten Leuten im Dorf".
Ob Fischer, Korbflechter, Schmiedin oder Zauberer, ob ein halbes oder 86 Jahre alt, ob als Single lebend oder in einer Großfamilie mit fünf Pflegekindern, ob Ureinwohner oder als Vereinsmensch nur zeitweise im Dorf - das Volk in Rothen ist bunt. Bunter als anderswo. Das war der Aufhänger für das Fotoprojekt. Der 58jährige Christian Lehsten wollte sie alle fotografieren, wollte die Rothener auf diese Weise kennenlernen, wollte die große Welt im Kleinen einfangen und alle Dorfleute an einem Ort vereinen.
"Ich kann als Fotograf sehr genau ins Gesicht schauen, kann jedes Gesicht ans Licht holen", beschreibt der Fotograf seine Motivation. Und gewann fast alle Rothener für sein Projekt.
Anfangs, das ergibt eine kleine Umfrage im Dorf, waren die Leute durchaus skeptisch. Die einen mochten sich nicht fotografieren und schon gar nicht so großformatig porträtieren lassen. Andere hatten Vorbehalte gegen den Gutshausbesitzer aus dem Westen. Doch heute sind die Rothener auf das Fotoprojekt durchweg positiv zu sprechen. Christa Bölkow, die wegen der Arbeit heute in Frankfurt/Oder lebt und nur an den Wochenenden und im Urlaub in ihr Heimatdorf kommt, findet es bereichernd, wie sich die unterschiedlichen Leute im allgemeinen und Christian Lehsten im besonderen mit seiner Vorstellung vom Leben einbringen. Ihre Schwester Petra Suhrbier, die in der Altenpflege arbeitet, hat die Qualität einer früheren Ausstellung mit Altenporträts, die der Fotograf zu Pfingsten im Gutshaus ausstellte, überzeugt.
Reiterhofbetreiberin Debora Gubener, die seit zwei Jahren im Dorf lebt, denkt, dass sich durch das Projekt die Leute im Dorf bewusster wahrnehmen. Und Textilgestalterin Tine Schröter schließlich schätzt die "achtungsvollen Fotografien" von Christian Lehsten, sieht für die Leute "eine ganz schöne Möglichkeit der Berührung mit Kunst" und konstatiert bei den Dorfleuten eine "schöne Freude als Mensch wahrgenommen zu werden".
Und so liegt denn über dem heutigen Tag eine besondere Spannung in Rothen. Erstmals können alle Dorfbewohner alle Porträts ansehen. Christian Lehsten hofft auf ein "fröhliches Suchen, auf ein gegenseitiges Erkennen, auf eine überraschte Wahrnehmung - aha, so schaue ich, so schaut die oder der andere aus"
Mit Absicht hat der Fotograf die Porträts - darunter auch sein Selbstporträt - nicht mit Namen versehen. Er möchte, dass die Betrachter ihre Gedanken spielen lassen und miteinander ins Gespräch kommen. "Vielleicht setzt bei den Dorfleuten ein Überlegen ein, den anderen, den Nachbarn genauer zu sehen, zu fragen, wie ist der. Das wäre schon eine tolle Vision", sagt Christian Lehsten. Und ist gespannt!